Ein fast vergessener Rupertiwinkler Heimatschriftsteller
Von Ganghofer und Thoma inspiriert
Im ausgehenden 19. und im jungen 20. Jahrhundert beherrschte im weitesten alpenländischen Bogen der Heimatroman das Genre der Literaturgattung. Insbesondere in Bayern wird in der Literatur und im Volkstheater die heimatliche Romance des Berg-, Dorf- und Bauernromans bevorzugt. Führende Autoren waren Ludwig Ganghofer (1855–1920) und Ludwig Thoma (1867–1921). Ganghofer war der unbestrittene Meister alpenländischer Jagd- und Bergromane, Thomas Erfolg stand für humorvolle, bissige Bauern- und Dorfgeschichten spitzzüngiger Satire. Der breite Bekanntheitsgrad dieser Herren ließ auch eine Reihe von Kollegen in ähnlichem Genre schreiben. Im Rupertiwinkel war dies der in Tittmoning gebürtige und in München lebende Ludwig Leitl.
Beginn der Schriftstellerlaufbahn
Als sich Leitl entschied, die Schriftstellerlaufbahn aufzunehmen, produzierte er zuerst Dramen, Romane und Lustspiele. Als Absolvent des Burghausener Kurfürst-Maximilian-Gymnasius und ab dem 17. Lebensjahr als Student der Pädagogik in München sah er gewisse bildende Voraussetzungen dazu als gegeben. Beruflich war er seit dem 19. Lebensjahr als Beamtenanwärter im bayerischen Postdienst. Mit 27 Jahren heiratete er die um sieben Jahre ältere Tochter eines Dingolfinger Fotografen. Das Paar bezog eine Wohnung in einem heute als Künstlerhaus bekannten Haus in der Agnesstraße 48 in Schwabing. Das Ehepaar bewohnte es bis zum frühen Tod Leitls im Jahre 1931.
Kritiker voll des Lobes
Leitl begann wie so viele vor ihm im schriftstellerischen hohen Milieu, in dem man zwangsweise nicht Fuß fassen kann, weil man mit Goethe, Schiller und Co. verglichen wird. In Hans Buchner, Direktor und Mitinhaber der „Münchener Zeitung“, fand er einen lebenslangen Förderer seines literarischen Talentes. In einem Beitrag zu einer Ehrennummer der „Zeitschau“ für seinen Mentor nimmt Leitl 1912 selbst Stellung zu seinem bisherigen schriftstellerischen Schaffen: „Hingerissen von der Güte meines neuen Gönners brachte ich ihm in kurzen Abständen, als ob ich nicht mit Hirn und Händen, sondern mit der Wurstspritze arbeitete, weltbewegende Dramen, Romane, Lustspiele etc. Ich folgte schließlich dem hartnäckigen Drängen meines Ratgebers, mich auf die wahre Stärke zu konzentrieren. In rascher Folge erschienen ab 1925 die in der Region zwischen Salzach und Inn angesiedelten Bauernromane, die zunächst in Fortsetzung als Zeitungsromane gedruckt werden.“ Zeitgenössische Kritiker betrachteten seine Romane als Werke in würdiger Nachfolge eines Ludwig Thoma.
Ein Meister des Bauernromans
Leitl erkennt anhand der Erfolge seine Begabung für Heimatromane, die in der Region zwischen Salzach und Inn angesiedelt sind, und es haben viele von ihnen Inhalte, in denen Mühlen eine Rolle spielen –
er ist selbst in einer solchen aufgewachsen. Diese sind: „Der Brunnhofer“ (1925), „Jakob Murr“ (1926, später auch in einer Bearbeitung als Theaterstück von Max Ferner), „Der Hocheder“ (1927) und zuletzt „Der Zaglerhof: Ein Bauernroman aus unseren Tagen“ (1931). Die Handschriftenabteilung der Monacensia im Münchener Hildebrandhaus, eine wissenschaftliche Sammlung zur Geschichte der Literatur und Kultur, besitzt die Manuskriptfassungen von Leitls Bauernromanen, die Einblicke in seinen Schaffensprozess gewähren. 1928 und 1929 publiziert er die Zeitungsromane „Das andere Gesicht“ und „Hinter den Kulissen der Zeit“, die nicht im bäuerlichen Milieu spielen.
Heute fast in Vergessenheit geraten
Leitl ist aber offenbar der Spannung zwischen seinem Brotberuf als Oberpostsekretär und der Berufung zum Schriftsteller physisch nicht gewachsen. Er wurde vorzeitig pensioniert und starb mit kaum 48 Jahren, gerade als sich ein dauerhaft großer literarischer Erfolg und auch von allen Seiten öffentliche Anerkennung einstellten. Heute allerdings gilt der Schriftsteller unter den Lesern als vergessen. Es liegt weder im Stadtarchiv Tittmoning noch in den Bibliotheken Tittmoning, Burghausen, Fridolfing, Laufen oder Freilassing ein Exemplar seines vielfältigen Schaffens auf, wie eine Fernabfrage ergab.