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Weniger Antibiotika, gesündere Euter – geht das?

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15.06.2026 | von Sandra Pfuner

Nicht jede Euterentzündung muss mit Antibiotika behandelt werden. Oft sind eine gezielte Diagnostik, gute Melkhygiene und konsequentes Management entscheidend für den Behandlungserfolg. Welche Ansätze den Antibiotikaeinsatz reduzieren können, stand im Mittelpunkt der Veranstaltung des Arbeitskreises Milchproduktion Pongau.

Weniger Antibiotika, gesündere Euter – geht das?.jpg © AdobeStock
Gute Fütterung und stabile Energieversorgung stärken die Abwehrkräfte und helfen, Mastitis vorzubeugen. © AdobeStock

Unter diesem Titel fand im Frühjahr eine Veranstaltung des Arbeitskreises Milchproduktion Pongau statt. Referent war PD Dr. med. vet. Wolfram Petzl, Leitender Oberarzt an der Klinik für Wiederkäuer der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Er ist Fachtierarzt für Reproduktionsmedizin, Mastitisdiagnostik und -immunologie, außerdem bildet er Tierärzte aus und betreut gemeinsam mit dem Team der Klinik landwirtschaftliche Betriebe rund um München.

Mastitis als größter Antibiotikaverbrauch

Euterentzündungen (Mastitiden) zählen zu den häufigsten Erkrankungen in der Milchviehhaltung und sind nach wie vor das wichtigste Einsatzgebiet für Antibiotika bei Milchkühen. Rund 80 % der Anwendungen entfallen darauf, ein Großteil davon für das Trockenstellen. Vor dem Hintergrund steigender Anforderungen, etwa zur Begrenzung von Antibiotikaresistenzen und durch gesetzliche Vorgaben, erhöht sich der Druck, den Antibiotikaeinsatz zu reduzieren. Die Rinderpraxis steht vor einem Umdenken: „So wenig wie nötig, so gezielt wie möglich.“ Wichtig ist: Gute Eutergesundheit beginnt im Management – nicht in der Therapie.

Antibiotika bleiben ein wichtiges Instrument, sind aber nur in klar definierten Fällen sinnvoll: bei nachgewiesenen bakteriellen Euterinfektionen zum Trockenstellen oder bei klinischer Mastitis mit therapierbaren Erregern.

Weniger Antibiotika, gesündere Euter – geht das?.jpg © AdobeStock
Dippen gilt als wirksame Vorbeugung gegen Mastitis. © AdobeStock

Gezielt statt pauschal behandeln

Zentrales Prinzip ist der selektive Einsatz sowohl bei der Mastitisbehandlung als auch beim Trockenstellen. Durch diese Strategie lässt sich der Antibiotikaverbrauch im Betrieb nachhaltig senken, ohne die Tiergesundheit zu gefährden. Nicht jede Euterentzündung muss automatisch antibiotisch behandelt werden. Viele Infektionen heilen von selbst aus. Gerade am Beginn steht oft eine entzündungshemmende Behandlung im Vordergrund, damit die Kuh stabil bleibt und frisst. Schmerzmittel und Entzündungshemmer sollten einer Kuh bei jeder schmerzhaften Euterentzündung verabreicht werden. Gerade der Einsatz von Schmerzmitteln verhindert, dass weitere Folgeprobleme entstehen! Außerdem kann allein eine erhöhte Flüssigkeitszufuhr bei einer Infektion einen besseren Heilungserfolg bieten als Antibiotika.

Zeigt die Milchprobe kein nachweisbares Erregerwachstum, kann auf Antibiotika verzichtet werden. Viele Infektionen – insbesondere durch gramnegative Keime wie E. coli – heilen spontan aus. Es ist also entscheidend, den Erreger der Entzündung zu kennen. Zusätzlich ist es wichtig, den Schweregrad der Infektion richtig einzuschätzen. Der Schweregrad bestimmt das Vorgehen und die Behandlung:

  • Grad 1: nur Milch verändert: beobachten und Probe nehmen (Diagnostik)
  • Grad 2: Euter verändert: Schmerzmittel + Diagnostik
  • Grad 3: Tier krank: intensive Therapie, evtl. Antibiotika
Die Grundlage für einen gezielten Einsatz ist somit eine konsequente Diagnostik:
  • sterile Milchproben (aseptische Entnahme)
  • rasche Erregerbestimmung (Schnelltests innerhalb von 24 bis 48 Stunden)
  • regelmäßige Bestandsuntersuchungen

Nur der mikrobiologische Befund zeigt, ob eine antibiotische Behandlung überhaupt notwendig ist. Für die exakte Erregerbestimmung sind die Milchproben sauber zu entnehmen (Handschuhe tragen, Zitzen reinigen und desinfizieren). Der California-Mastitis-Test (CMT) oder „Schalmtest” hilft bei der Früherkennung.

Weniger Antibiotika, gesündere Euter – geht das?.jpg © AdobeStock
Die Diagnostik einer Mastitis erfolgt beispielsweise über den sogenannten Schalmtest, der bereits eine frühzeitige Erkennung ermöglicht. © AdobeStock

Melkhygiene schützt das Euter

Antibiotika können viele Probleme nicht lösen wie etwa hohe Zellzahlen, Gewebeschäden oder mangelnde Immunabwehr. Die idealen Vorbeugemaßnahmen liegen im optimierten Management durch konsequente Melkhygiene: Handschuhe tragen und diese regelmäßig wechseln oder desinfizieren, dippen und die Reihenfolge einhalten, also infizierte Tiere getrennt melken. Zusätzlich auf gute Stall- und Liegeboxenhygiene achten, Überbelegung und Stress vermeiden sowie die Auswertung von Zellzahldaten mit einbeziehen. Ansteckende Erreger wie Staphylococcus aureus sind problematisch und oft chronisch. Das Management erfordert hier ein konsequentes Vorgehen: die Identifikation betroffener Tiere bis hin zum gezielten Merzen chronischer Fälle. Aber Achtung! Staph. aureus lässt sich nicht in jeder Probe nachweisen, da er nicht ständig ausgeschieden wird! Zur Sicherheit eine zweite Probe untersuchen lassen. Eine Chance zur Ausheilung von Staph.-aureus-Infektionen ist größer durch eine Ausdehnung der Trockenstehzeit auf bis zu vier Monate. Strep. uberis ist ebenfalls häufig und stark vom Management abhängig.

Weniger Antibiotika, gesündere Euter – geht das?.jpg © AdobeStock
Die idealen Vorbeugemaßnahmen z. B. gegen Mastitis liegen im optimierten Management durch konsequente Melkhygien © AdobeStock

Geduld statt Nachbehandlung

Die Heilung braucht Geduld! Die Zellzahl sinkt oft langsamer als die Infektion abheilt! Eine erhöhte Zellzahl bedeutet nicht zwingend, dass der Erreger noch vorhanden ist. Die „Flocken” in der Milch sind Fresszellen, die die Erreger abgewehrt haben. Ein sehr wichtiger Aspekt, um unnötige Behandlungen zu vermeiden.

Kühe nach dem Abkalben sind anfälliger aufgrund der negativen Energiebilanz. Diese Kühe können wesentlich unterstützt werden, indem sie nicht komplett ausgemolken werden. Gute Fütterung und stabile Energieversorgung stärken die Abwehrkräfte und helfen, Mastitis vorzubeugen. Die größte Reduktionswirkung beim Antibiotikaeinsatz bietet das selektive Trockenstellen:

  • nur infizierte oder auffällige Kühe erhalten Antibiotika
  • gesunde Tiere können ohne antibiotische Behandlung trockengestellt werden
  • Grundlage sind Zellzahlentwicklung, Mastitis-Historie und Milchproben

Dieses Vorgehen ist grundsätzlich in jedem Betrieb umsetzbar, erfordert jedoch eine betriebsindividuelle Anpassung. Antibiotika sollten gezielt bei einer nachgewiesenen bakteriellen Infektion und nicht routinemäßig eingesetzt werden.

Ganzheitlicher Ansatz zu weniger Antibiotika

Milchviehhaltung sind möglich als ganzheitlicher Ansatz durch gezielte Diagnostik, gute Hygiene und konsequentes Management. Entscheidend sind:

  • bessere und schnellere Diagnostik
  • Therapie nach Erreger und Schweregrad
  • konsequente selektive Anwendung
  • gezieltes Management zur Vorbeugung

Damit wird klar: Eine gute Eutergesundheit ist die Voraussetzung für einen geringeren Antibiotikaeinsatz – und nicht umgekehrt.

Links zum Thema

  • Als Ergänzung zu dem Thema verweist der Referent auf den Artikel von Nicole Hechenberger „Eigene Herde kennen und selektiv trockenstellen“ Beim selektiven Trockenstellen werden nur Kühe, deren Euter infiziert bzw. erkrankt sind, mittels antibiotischen Trockenstellern behandelt. Grundsätzlich ist ein selektives Trockenstellen in jedem Betrieb durchführbar. Damit dies gelingt, muss man seine Herde allerdings gut kennen.
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Die Diagnostik einer Mastitis erfolgt beispielsweise über den sogenannten Schalmtest, der bereits eine frühzeitige Erkennung ermöglicht. © AdobeStock

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