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So kommen die Kälber gut durch den Sommer

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05.08.2026 | von Dr. Erika Gusterer

Hitzestress beginnt oft lange, bevor Kälber sichtbare Symptome zeigen, und kann ihre Entwicklung nachhaltig beeinträchtigen. Mit einfachen Managementmaßnahmen und einer gut durchdachten Stallgestaltung lassen sich viele Risiken jedoch wirksam minimieren.

So kommen die Kälber gut durch den Sommer.jpg © AdobeStock
Hohe Temperaturen belasten Kälber bereits früh und erfordern ein gezieltes Hitzestressmanagement in der Aufzucht. © AdobeStock

Hitzestress beeinträchtigt Kälber auf vielfältige Weise: Er verändert das Fress- und Trinkverhalten, erhöht den Erhaltungsbedarf, belastet den Stoffwechsel und schwächt das Immunsystem. Die Folgen reichen von verminderten Tageszunahmen und einer erhöhten Krankheitsanfälligkeit bis hin zu schwerwiegenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Vor dem Hintergrund zunehmender Hitzeperioden gewinnt daher ein gezieltes Hitzestressmanagement in der Kälberaufzucht zunehmend an Bedeutung. Bereits einfache Managementmaßnahmen sowie technische und bauliche Anpassungen können dazu beitragen, die Wärmebelastung zu reduzieren und das Wohlbefinden der Kälber zu verbessern.

So kommen die Kälber gut durch den Sommer.jpg © AdobeStock
Ein wirksamer Hitzeschutz beginnt bereits während der Trächtigkeit und beeinflusst die Entwicklung des ungeborenen Kalbes. © AdobeStock

Hitzesschutz beginnt bereits im Mutterleib

Der Schutz vor Hitzestress beginnt nicht erst mit der Geburt des Kalbes, sondern bereits während der Trächtigkeit im Mutterleib. Hohe Temperaturen und Hitzebelastungen bei tragenden Kühen können die Entwicklung des ungeborenen Kalbes nachhaltig beeinflussen. Kälber von hitzegestressten Muttertieren weisen häufig ein geringeres Geburtsgewicht auf und zeigen Veränderungen in der Entwicklung wichtiger Organe, wie beispielsweise der Leber und des Euters. Diese Auswirkungen können langfristig bestehen bleiben und die spätere Leistungsfähigkeit der Kälber beeinflussen. Selbst wenn die Kälber nach der Geburt unter optimalen Haltungs- und Versorgungsbedingungen aufgezogen werden, können sie im späteren Leben eine geringere Leistung erbringen. Untersuchungen zeigen, dass solche Tiere unter anderem eine niedrigere Milchleistung in der ersten Laktation aufweisen, eine verkürzte Lebensdauer haben können und insgesamt weniger leistungsfähig sind.

Folgeschäden durch Stress im Mutterleib

Dieses Phänomen wird als „fetal programming“ bezeichnet. Dabei werden Umweltbedingungen und Stressfaktoren, denen das Muttertier während der Trächtigkeit ausgesetzt ist, über die Gebärmutter auf das ungeborene Kalb übertragen. Die Entwicklung des Fetus passt sich an diese Bedingungen an, wodurch dauerhafte Veränderungen in Stoffwechsel, Organentwicklung und Leistungsfähigkeit entstehen können. Der Hitzeschutz der Kuh während der Trächtigkeit ist daher ein wesentlicher Bestandteil einer nachhaltigen Kälberaufzucht und legt bereits vor der Geburt den Grundstein für die spätere Gesundheit der Kälber.

So kommen die Kälber gut durch den Sommer.jpg © Etter
Einige Ställe verfügen bereits über eine Stallklimaregelung, die durch Sensoren Temperatur und Luftfeuchtigkeit automatisch steuert. © Etter

Das Management macht‘s aus

Ein wirksamer Hitzeschutz entsteht nicht durch eine einzelne Maßnahme, sondern durch das Zusammenspiel mehrerer aufeinander abgestimmter Faktoren. Wichtig sind ein angepasstes Management, eine bedarfsgerechte Fütterung, eine tiergerechte Haltung sowie geeignete stallbauliche und technische Lösungen.

Arbeitsmaßnahmen wie Umstallen, Enthornen oder Ausmisten sollten während heißer Perioden möglichst in die frühen Morgenstunden verlegt werden, da die Belastung für die Tiere zu dieser Zeit geringer ist. Auch das Fütterungsmanagement sollte während Hitzeperioden an die veränderten Bedürfnisse der Kälber angepasst werden. Da Kälber bei hohen Temperaturen ihre Milch- und Festfutteraufnahme bevorzugt in die kühleren Morgen- und Abendstunden verlagern, sollten Milchtränke und Futter möglichst zu diesen Zeiten angeboten werden. Besonders bei restriktiver Tränke kann eine Anpassung der Fütterungszeiten sinnvoll sein. Bei Ad-libitum-Tränkesystemen können die Tiere ihre Milchaufnahme dagegen selbstständig an die klimatischen Bedingungen und ihren erhöhten Energiebedarf anpassen.

Futteraufnahme trotz Hitze fördern

Festfutter sollte stets frisch und schmackhaft angeboten werden, da hohe Temperaturen den Verderb beschleunigen und die Futteraufnahme zusätzlich beeinträchtigen können. Mehrmaliges Nachlegen kleinerer Futtermengen sowie das regelmäßige Entfernen von Futterresten tragen dazu bei, die Futterqualität zu erhalten und die Aufnahme zu fördern.

Wasser ist das wichtigste Futtermittel und spielt bei Hitzestress eine entscheidende Rolle. Es ist für nahezu alle lebenswichtigen Prozesse notwendig, darunter die Thermoregulation, die Aufrechterhaltung des Zelldrucks, den Nährstofftransport, Stoffwechselreaktionen und die Bildung von Körperflüssigkeiten. Die Bereitstellung von Tränkwasser ist daher ein wesentlicher Bestandteil der Ernährung und aus Tierschutzgründen eine uneingeschränkte Verfügbarkeit.

Wasserqualität konsequent sichern

Kälber sollen ab dem ersten Lebenstag jederzeit Zugang zu sauberem Wasser haben. Das Wasser sollte hygienisch einwandfrei sein, also klar, farblos, geruchs- und geschmacksneut-ral sowie möglichst keimarm. Die Kontrolle und Reinigung der Tränken muss Bestandteil der täglichen Routine sein. Besonderes Augenmerk ist dabei auf die Vermeidung von Biofilmen in Wasserleitungen zu legen, da diese die Wasserqualität erheblich beeinträchtigen können. In der Praxis lassen sich diese unsichtbaren Gefahrenherde meist an einem schmierigen, bräunlichen Schleimfilm an den Innenseiten der Tränkebecken oder Ventile sowie an einem muffigen Geruch des Wassers erkennen. Ein klarer Warnsensor sind auch die Tiere selbst: Verweigern die Tiere plötzlich die Wasseraufnahme, ist dies oft ein direktes Signal für eine geschmackliche Veränderung durch bakterielle Belastungen im Leitungssystem.

So kommen die Kälber gut durch den Sommer.jpg © AdobeStock
Sauberes Wasser muss Kälbern jederzeit uneingeschränkt zur Verfügung stehen, insbesondere während Hitzeperioden. © AdobeStock

Ausreichend Tränkeplätze schaffen

Da der Bedarf bei steigenden Temperaturen deutlich zunimmt, müssen zusätzliche Tränkestellen in Form von Wannen oder Trögen bereitgestellt werden, um auch rangniedrigeren Tieren eine stressfreie Wasseraufnahme zu ermöglichen. Entscheidend ist außerdem eine ausreichende Durchflussrate der Tränken. Für Kälber und Fresser wird ein Wasserzulauf von etwa 5 bis 10 Litern pro Minute empfohlen.

Stallbauliche und technische Lösungen

Auch die Stallgestaltung und technische Hilfsmittel spielen eine entscheidende Rolle, um Kälber wirksam vor Hitzestress zu schützen. Ziel ist es, den Wärmeeintrag in den Stall zu begrenzen, die Luftzirkulation zu verbessern und den Tieren jederzeit ein möglichst angenehmes Stallklima zu bieten. Dabei sollte bereits bei der Planung von Neu- oder Umbauten auf eine hitzegerechte Bauweise geachtet werden.

Eine gute natürliche Belüftung bildet die Grundlage für ein geeignetes Stallklima. Große, offene Seitenwände sowie ausreichend dimensionierte Firstöffnungen fördern den natürlichen Luftaustausch und ermöglichen den Abtransport warmer Luft über den Kamineffekt. Gleichzeitig tragen eine gute Dachisolierung oder helle Dachmaterialien dazu bei, die Aufheizung des Stallgebäudes durch Sonneneinstrahlung zu reduzieren. Auch Beschattungselemente wie Dachüberstände, Sonnensegel oder Bäume können den Wärmeeintrag deutlich verringern. Reicht die natürliche Luftbewegung nicht aus, können technische Lüftungssysteme das Stallklima zusätzlich verbessern. Ventilatoren erhöhen die Luftgeschwindigkeit und erleichtern den Kälbern die Wärmeabgabe über Konvektion und Verdunstung. Wichtig ist dabei eine gleichmäßige Luftverteilung, ohne insbesondere bei jungen Kälbern Zugluft im Liegebereich zu erzeugen. In geschlossenen Stallsystemen können Unter- oder Überdrucklüftungen einen kontinuierlichen Luftaustausch sicherstellen und gleichzeitig die Luftfeuchtigkeit sowie die Konzentration von Schadgasen reduzieren.

So kommen die Kälber gut durch den Sommer.jpg © Etter
© Etter

Kühlung gezielt und sinnvoll einsetzen

Vernebelungs- oder Sprühsysteme werden in Milchviehställen häufig erfolgreich eingesetzt, sind für Kälber jedoch nur eingeschränkt geeignet. Da eine hohe Luftfeuchtigkeit die Verdunstungskühlung erschwert, sollte ihr Einsatz nur in Kombination mit einer ausreichenden Luftbewegung erfolgen. Andernfalls kann sich das Risiko für Atemwegserkrankungen erhöhen. Auch die Gestaltung der Liegeflächen beeinflusst die Wärmebelastung der Kälber. Unterschiedliche Materialien besitzen eine unterschiedliche Fähigkeit zur Wärmeableitung. Sand bietet sowohl kurz- als auch langfristig eine sehr gute Wärmeableitung und kann daher insbesondere im Sommer Vorteile bieten. Gummimatten ermöglichen eine kurzfristige Wärmeableitung, während Tiefstreu- und Strohmatratzen die geringste Wärmeableitung aufweisen und sich bei hohen Temperaturen stärker erwärmen können. Bei Kälbern kann es während Hitzeperioden sinnvoll sein, die Stroheinstreu vorübergehend durch kühlere Materialien wie Sand oder Sägespäne zu ersetzen. Dabei muss jedoch beobachtet werden, ob die Kälber Sand durch Belecken aufnehmen, da dies gesundheitliche Risiken verursachen kann.

So kommen die Kälber gut durch den Sommer.jpg © AdobeStock
Beschattete und gut belüftete Kälberiglus verhindern eine übermäßige Aufheizung an sonnigen Sommertagen. © AdobeStock

Hitzebelastung im Iglu reduzieren

Besondere Aufmerksamkeit erfordern Kälberiglus, da sie sich an sonnigen Tagen innerhalb kurzer Zeit stark aufheizen können. Eine Aufstellung im Schatten oder unter einer Überdachung sowie ausreichend Abstand zwischen den einzelnen Iglus verbessern die Luftbewegung und reduzieren die Wärmebelastung. Auch die Ausrichtung der Igluöffnung kann dazu beitragen, direkte Sonneneinstrahlung zu vermeiden. Besonders die Strahlungswärme wird auf freistehende Iglus im Sommer häufig unterschätzt: Je nach Material und Farbe können dort bereits bei moderaten Außentemperaturen von rund 20 °C Innentemperaturen von bis zu 35 °C gemessen werden.

Stallklima digital überwachen

Zunehmend kommen auch digitale Systeme zur Überwachung des Stallklimas zum Einsatz. Sensoren erfassen kontinuierlich Temperatur und Luftfeuchtigkeit und ermöglichen die Berechnung des Temperatur-Feuchtigkeits-Index (THI). Auf dieser Grundlage können Ventilatoren oder Lüftungssysteme automatisch gesteuert werden. Gleichzeitig helfen digitale Warnsysteme dabei, kritische Hitzebelastungen frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig Gegenmaßnahmen einzuleiten. Stallbauliche und technische Maßnahmen entfalten ihre größte Wirkung, wenn sie Teil eines ganzheitlichen Hitzestressmanagements sind. In Kombination mit einer angepassten Fütterung, einer uneingeschränkten Wasserversorgung und einem aufmerksamen Tiermanagement können sie wesentlich dazu beitragen, die Wärmebelastung zu reduzieren und die Gesundheit sowie das Wohlbefinden der Kälber auch während zunehmender Hitzeperioden langfristig zu sichern.

Kranke Kälber besonders beobachten

Besonders gefährdet sind Kälber mit Durchfallerkrankungen. Durch den bereits bestehenden Flüssigkeitsverlust ist ihr Elektrolythaushalt gestört, wodurch sie bei Hitze deutlich schneller dehydrieren als gesunde Tiere. Gleichzeitig muss der geschädigte Darm stabilisiert werden. Unterstützend können Probiotika oder Hefekulturen eingesetzt werden, um die Darmflora zu fördern und die Regeneration des Verdauungstraktes zu unterstützen. Bei akutem Hitzestress müssen betroffene Kälber sofort aus der Hitze genommen und langsam heruntergekühlt werden. Eine zu schnelle Abkühlung sollte vermieden werden. Geeignet sind beispielsweise lauwarm-feuchte Umschläge, deren Temperatur schrittweise reduziert wird, sodass die Körpertemperatur langsam und kontrolliert abgesenkt werden kann.

Zukunftsstrategien mit zunehmender Hitze

Angesichts des fortschreitenden Klimawandels ist Hitzestress längst kein Randproblem mehr, sondern entwickelt sich zu einer zentralen Herausforderung der Rinderhaltung. Die zunehmende Häufigkeit und Intensität von Hitzeperioden stellen tierhaltende Betriebe vor neue Anforderungen.

Ziel muss es sein, nicht erst auf auftretenden Hitzestress zu reagieren, sondern durch vorausschauendes Management Bedingungen zu schaffen, unter denen Hitzebelastungen möglichst gar nicht entstehen. Eine angepasste Fütterung, optimale Wasserversorgung, gute Stallbelüftung sowie technische Lösungen zur Klimaregulierung sind dabei wesentliche Bausteine. Klimamanagement muss künftig bereits bei der Stallplanung eingeplant werden. Eine zukunftsorientierte Kälberaufzucht muss darauf ausgerichtet sein, die Tiere auch unter zunehmend wärmeren Bedingungen bestmöglich zu unterstützen, um ihre Gesundheit sowie ihr Entwicklungspotenzial langfristig zu sichern.

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