Kalzium ist der Schlüssel für eine leistungsfähige Weide
Eine dichte, ertragreiche und trittfeste Weide beginnt nicht mit der Nachsaat, sondern mit dem Boden. Darauf wies Grünlandexperte Hans Koch bei der Arbeitskreis-Mutterkuh-Fachveranstaltung in Flachau eindringlich hin. Sein zentrales Anliegen: Viele Probleme auf Grünlandflächen werden heute mit Nachsaaten oder Spezialmischungen bekämpft, obwohl die eigentliche Ursache häufig ein Mangel an verfügbarem
Kalzium und eine fortschreitende Bodenversauerung ist.
Boden verstehen statt Symptome bekämpfen
Ein Blick auf www.bodenkarte.at gibt wichtige Hinweise auf das Ertragspotenzial einer Fläche und mögliche Schwachstellen. Besonders auf sandigen Schluffböden besteht erhöhte Auswaschungsgefahr, gleichzeitig reagieren diese Böden oft sensibel auf sinkende Kalziumgehalte. Während in Standard-Bodenuntersuchungen Stickstoff, Phosphor, Kalium und der pH-Wert erfasst werden, wird der tatsächliche Kalziumgehalt häufig nicht bestimmt. Dabei gelten rund 90 mg Kalzium je 100 g Boden als Orientierungswert. Auf einigen Grünlandstandorten im Raum Flachau wurden Werte zwischen 30 und 60 mg festgestellt (!). Die Folge sind schleichende Versauerung, Strukturprobleme und letztlich die Bildung von Pseudogley-Böden mit Staunässe.
Was die Kuh wirklich frisst
Entscheidend ist das Entwicklungsstadium. Bis zum Rispenschieben besteht der Grasbestand überwiegend aus Blättern und enthält nur wenig Stängelanteile. Aus diesen jungen, leicht verdaulichen Blättern entstehen Milch und Fleisch – nicht aus verholzten Stängeln. Daher gilt junges Gras als das beste und günstigste Kraftfutter auf dem Betrieb. Bereits ab dem zweiten Blatt nehmen Schmackhaftigkeit und Proteingehalt ab. Spätestens wenn 15 bis 20 Prozent des Bestandes im Rispenschieben sind, sollte genutzt oder geerntet werden. Erfolgt die Nutzung zu spät, steigt der Rohfaseranteil, die Futteraufnahme sinkt und die Tiere benötigen mehr Kraftfutter zur Leistungserhaltung. Während sich junge Blätter leicht zerfasern lassen und einen saftigen Brei bilden, bleiben Stängel zäh und schwer verdaulich. Sie füllen zwar den Pansen, liefern aber deutlich weniger nutzbare Energie. Auch die Pflanzenzusammensetzung spielt eine Rolle. Für hochwertiges Heu eignen sich vor allem diploide Gräser wie Raygras, Lieschgras, Wiesenschwingel oder in begrenztem Umfang Wiesenfuchsschwanz. Mit jedem verspäteten Schnitt steigt dagegen die Verholzung des Bestandes – überspitzt formuliert fährt man dann weniger Futter als vielmehr „Holz“ vom Feld heim.
Schlüssel für eine stabile Bodenstruktur
Kalzium erfüllt im Boden weit mehr Funktionen als die reine Regulierung des pH-Wertes. Es verbessert die Bodenstruktur, fördert die Bildung stabiler Krümel und schafft günstige Porenverhältnisse. Dadurch entstehen Grobporen, die Wasser versickern lassen und gleichzeitig eine gute Durchlüftung ermöglichen. Eine gute Bodenstruktur erkennt man an vielen runden, stabilen Krümeln, einer intensiven Durchwurzelung und einer lockeren Lagerung des Bodens. In solchen Böden kann Sauerstoff eindringen und Kohlendioxid entweichen – ein Zeichen für eine funktionierende Bodendurchlüftung.
Wo ausreichend Kalzium vorhanden ist, entwickeln sich stärkere Wurzelsysteme, Pilze und Bodenlebewesen werden gefördert und die Gefahr von Staunässe sinkt. Wachsen Wurzeln dagegen vorwiegend quer entlang verdichteter Schichten, deutet dies auf Strukturprobleme hin. Ein einfacher Praxistest besteht darin, in einen Bodenaushub zu blasen: Gelingt dies leicht, ist meist auch der Luftaustausch im Boden ausreichend.
Mehr Kalkbedarf als früher
Aufgrund der allgemeinen Erwärmung wird viel mehr Kalzium bereits am Oberboden verbraucht als noch vor 30 Jahren. Die Vegetationsperiode hat sich in vielen Regionen um rund zwei Monate verlängert. Damit steigt auch der Kalziumverbrauch der Pflanzen. Während früher saurer Regen einen Teil der Versauerung verursachte, wird heute vor allem durch intensiveres Wachstum mehr Kalzium verbraucht. Allein durch die längere Vegetationszeit steigt der jährliche Verbrauch deutlich an. Zusätzlich wird Kalzium mit jedem Liter Milch und jedem Kilogramm Fleisch über den Stall vom Betrieb abgeführt. Dieses muss auch auf den Flächen wieder rückgeführt werden.
Erst kalken, dann nachsäen
„Man beginnt beim Hausbau nicht mit dem Dach“, bringt Koch seine Empfehlung auf den Punkt. Nachsaaten seien oft zum Scheitern verurteilt, wenn die Kalziumversorgung nicht stimme. Gräser können sich bei niedrigen Kalziumwerten nicht dauerhaft etablieren. Erst wenn die Bodenverhältnisse passen, machen weitere Maßnahmen Sinn. Mittels des pH-Meters kann jeder Landwirt, ohne eine aufwendige Bodenuntersuchung erstellen zu lassen, schnell und kostengünstig den pH-Wert des Bodens messen. Daraus leitet Koch ein einfaches Ampelsystem ab:
- Rot: Kalken
- Gelb: Pflegemaßnahmen wie Striegeln oder Walzen
- Grün: Erst dann an Nachsaaten denken
Der pH-Wert sagt nichts über den Kalzium-Gehalt des Bodens aus! Als praktische Überprüfung des Bodenzustands: Lieschgras und Wiesenrispe sind kalzium-liebende Gräser.
Fein vermahlene Kalke mit einer Reaktivität von rund 97 Prozent und einem sehr hohen Feinkornanteil wirken rasch und können sich gut über die Fläche verteilen. Granulierte oder pelletierte Kalke sind zwar einfacher auszubringen, jedoch erreichen die Kalkkörner laut Koch oft nur eine punktuelle Wirkung. Seine Einschätzung fällt deutlich aus: Granulierte Produkte seien häufig dreimal teurer und erzielten lediglich etwa ein Drittel der Wirkung feiner Kalke.
Mit einem Mythos räumt Hans Koch ebenfalls auf: „Gewisse Nährstoffe können im neutralen pH-Bereich nicht gelöst werden.“ Fakt ist: Um die Pflanzenwurzel herum herrscht ein pH-Wert von 4,5. Dort wird jeder Nährstoff gelöst.
Eine jährliche Erhaltungskalkung von etwa einer Tonne kohlensaurem Kalk je Hektar gleicht den laufenden Entzug meist aus. Auf versauerten Flächen reicht dies allerdings nicht. Dort muss zunächst über mehrere Jahre hinweg eine gezielte Sanierung erfolgen.
Ein Beispiel: In fünf Jahren wurden auf einer Fläche mit pH 5 jährlich vier Tonnen kohlensaurer Kalk ausgebracht, bis sich die Bodenverhältnisse verbesserten. Erst danach konnte auf eine Erhaltungsdüngung umgestellt werden.
Fazit
Nicht die Nachsaat, sondern die Bodenfruchtbarkeit entscheidet über den Erfolg einer Weide. Ausreichende Kalziumgehalte verbessern die Bodenstruktur, fördern die Durchlüftung und schaffen die Grundlage für leistungsfähige Grasbestände. Vor jeder größeren Pflegemaßnahme sollten daher Bodenkarte, pH-Wert und Kalziumversorgung überprüft werden. Fehlt Kalzium, ist Kalken der erste Schritt. Erst wenn die Grundlage im Boden stimmt, können Nachsaaten, Düngung und Bestandespflege ihr volles Potenzial entfalten.
Andreas Nadegger aus St. Johann, Mitglied AK Mutterkuh
Die Weiterentwicklung und Verbesserung des Betriebes ist meine Motivation dabei zu sein. Ich schätze den ehrlichen Erfahrungsaustausch mit Berufskollegen und Fachleuten. Der Vergleich mit anderen Betrieben wirkt der Betriebsblindheit entgegen. Super finde ich, dass TGD-Stunden angerechnet werden. Seit der Mitgliedschaft konnte ich die Zwischenkalbezeit verbessern und habe gelernt, das Blickfeld der Kuh durch die Kuhbrille besser zu verstehen. Den Arbeitskreis kann ich sehr empfehlen, weil es immer wertvolle Kurse und Betriebsbesichtigungen gibt.
Kontakt
-
LWOI Dipl.-Ing. (FH) Sandra Pfuner, ABL
sandra.pfuner@lk-salzburg.at
T 050/2595-3596
M 0664/6025954596