Gut vorbereitet und gesund ins Leben starten
Die Geburt eines Fohlens ist für jeden Züchter ein besonderer Moment. Das Ereignis erfordert eine gute Vorbereitung, Aufmerksamkeit, Fachwissen, Geduld und Ruhe. Eine Pferdestute trägt im Durchschnitt 336 Tage, eine Eselstute im Durchschnitt 365 Tage. Für Pferde findet man Angaben zwischen 320 und 380 Tagen Tragzeit. Idealerweise verbringt die Stute bereits die letzten sechs Wochen in dem für die Geburt vorgesehenen Bereich, damit eine ausreichende Bildung von Antikörpern in der Milch gewährleistet ist.
Vorzeichen, die alles ankündigen
Deutlich erkennbar kündigt sich die Geburt durch die Euterbildung an. Wenige Tage bis Stunden vorher sind bei den meisten Stuten weiche, eingefallene Beckenbänder zu bemerken und „Harztropfen“ bilden sich am Euter (Milchtropfen an den Zitzen). Unmittelbar vor der Geburt fängt die Stute unter Umständen an zu schwitzen, sie legt sich hin oder wälzt sich sogar, hebt den Schweif, uriniert häufig und die Wehentätigkeit setzt ein. Diese erste Phase der Geburt bringt das Fohlen in die korrekte Austreibungsposition, was in der Regel einige Stunden in Anspruch nimmt. Die Stute kann diesen Vorgang aber für Stunden bis Tage unterbrechen, wenn sie sich gestört fühlt. Die Stute sollte jetzt alle zwei bis vier Stunden (eventuell mittels Geburts-Überwachungssystems) überwacht werden.
Checkliste: Vorbereitung der Fohlengeburt
- Regelmäßige Impfungen: Eine Zuchtstute sollte regelmäßig gegen Herpes, Tetanus und Influenza geimpft oder mindestens grundimmunisiert sein, bevor sie belegt wird. Impfung Herpesvirus: Anfang des fünften sowie Ende des siebten und neunten Trächtigkeitsmonats; Tetanus und Influenza: vier bis sechs Wochen vor der Geburt, um optimale Antikörperkonzentrationen in der Biestmilch zu gewährleisten.
- Eine allgemeine tierärztliche Untersuchung und eine bakteriologische Untersuchung der Gebärmutter sollten bei Problemen vor der Belegung erfolgen.
- Die Stute mit anderen Zuchtstuten während der Trächtigkeit aufstallen. Je gemischter die Gruppe ist (Jährlinge, Turnierpferde, Freizeitpferde), desto höher der Infektionsdruck und die Gefahr einer Infektion während der Trächtigkeit. Die Stute sollte sechs bis acht Wochen vor der Geburt an den Ort des Abfohlens gebracht werden (Angewöhnung und Produktion von lokal wichtigen Antikörpern).
- Entwurmung: Spätestens vier bis sechs Wochen vor der Geburt sowie erneut am ersten Tag nach der Geburt mit Ivermectin oder Moxidectin (unabhängig vom Ergebnis einer Kotprobe).
- Regelmäßige Überwachung des Gesundheitszustandes: Bei Auftreten von Apathie, Fressunlust, Fieber, frühzeitigem Milchfluss oder Vaginalausfluss unverzüglich einen Tierarzt kontaktieren.
- Etwaigen Milchverlust vor der Geburt notieren – die Milch enthält lebenswichtige Abwehrstoffe. In diesem Fall sollten das Vorgehen und die Versorgung des Fohlens überlegt werden.
- Krankheiten während der Trächtigkeit erhöhen das Risiko einer Erkrankung des Fohlens, daher Vorsichtsmaßnahmen ergreifen.
- Stute ausreichend mit Selen versorgen
Jede Verzögerung ist ein Notfall
Die Austreibung des Fohlens beginnt mit dem Platzen der Fruchtblase und dauert etwa 15 bis 30 Minuten. Ist das Fohlen nach 30 Minuten noch nicht geboren, muss ein Tierarzt verständigt werden. Jede Verzögerung ist ein Notfall! Mögliche Ursachen sind die Fehllagerung des Fohlens im Geburtskanal oder mechanische Hindernisse. Es besteht die Gefahr von Sauerstoffmangel. Ein Eingriff in die Geburt ist in der Regel nicht notwendig. Unsachgemäße Zughilfe kann das Fohlen und die Stute schwer verletzen.
Vorsicht schon bei den ersten Handgriffen
Nach der Geburt sollte das Fohlen von Schleim befreit werden. Den Geburtsschleim am Maul des Fohlens nur mit sauberen Händen, besser noch mit Handschuhen entfernen und nicht ins Maul greifen, um keine Keime in das Fohlen zu bringen. Die Stute beginnt meist rasch, ihr Fohlen abzulecken, und wird die Atemwege des Fohlens säubern. Dieser wichtige Prozess für die Bindung zwischen Fohlen und Stute sollte unbedingt zugelassen werden. Das Fohlen kann auch mit Stroh oder sauberen Handtüchern abgetrocknet werden.
Dem Nabel gilt besonderes Augenmerk
Die Nabelschnur sollte nach der Geburt des Fohlens nicht durchtrennt werden. Sie reißt von selbst, wenn die Stute aufsteht. Der Nabel des neugeborenen Fohlens soll direkt nach dem Abnabeln fachgerecht, mit einer 0,5-prozentigen Chlorhexidin-Lösung desinfiziert werden. Die vollständige Durchtränkung des Nabels mit Chlorhexidin sollte dreimal in den ersten 24 Lebensstunden erfolgen. Bei starker Blutung aus dem Nabel ist unverzüglich eine Nabelklemme (z. B. haushaltsübliche Verschlussklemme für Aufbewahrungsbeutel) angebracht werden. Von dem Abbinden des Nabels mit einer Schnur ist abzuraten, da bei dieser Methode vermehrt die Bildung eines Nabelabszesses beobachtet werden konnte.
Die ersten Stunden im Überblick
Ein neugeborenes Fohlen sollte innerhalb von 30 Sekunden nach dem Austreiben erste Atemzüge machen und nach max. einer Minute regelmäßig atmen, sich etwa nach zwei bis fünf Minuten in Brust-Bauchlage aufrichten und nach den ersten 15 Minuten bereits Aufstehversuche machen sowie innerhalb von zwei bis 20 Minuten einen Saugreflex aufweisen. Fohlen kommen ohne ausreichenden Immunschutz zur Welt. Sie sind darauf angewiesen, Biestmilch (Kolostrum) in den ersten Lebensstunden aufzunehmen, da nur dann Antikörper über den Darm aufgenommen werden können. Das Fohlen muss selbstständig saugen. Zu spätes Trinken erhöht das Infektionsrisiko erheblich. Früh verlorene Milch (vor der Geburt) ist ein Risikofaktor, da mit dem Verlust der Milch auch die Antikörper nicht mehr zur Verfügung stehen. Diese sind nur in der ersten „Portion“ Milch enthalten und werden nicht mehr nachgebildet! Die Immunabwehrstoffe sind auf die Umwelt abgestimmt, in der sich die Stute bis zur Geburt aufgehalten hat, und dienen dem Fohlen als „Starthilfe“ für das eigene Immunsystem, das sich ab dem Zeitpunkt der Geburt erst aufbauen muss.
Woran erkennt man ein gesundes Fohlen?
Ein gesundes Fohlen ist aufmerksam und aktiv. Es sucht die Stute, steht mehrfach auf und trinkt regelmäßig. Warnsignale sind beispielsweise:
- kein Aufstehversuch
- schwaches oder erfolgloses Saugen
- Desinteresse am Euter
- zunehmende Müdigkeit
Ein Fohlen sollte mindestens zwei Liter Kolostrum innerhalb von sechs bis max. zwölf Stunden nach der Geburt aufnehmen. Das schlaffe Euter der Stute ist dabei ein aufschlussreicher Indikator, ob das Fohlen gut trinkt. Normale Biestmilch ist dickflüssig, obersartig und gelblich. Eine saubere und ruhige Umgebung sind am Anfang besonders wichtig, genauso wie Kontakt zu nur wenigen Personen, um den Infektionsdruck niedrig zu halten. In den ersten Lebenstagen ist das Allgemeinbefinden zu beobachten und die Körpertemperatur des Fohlens zu kontrollieren. Die Normwerte liegen zu diesem Zeitpunkt bei 37,2 bis 38,9 °C.
Ein Bluttest (Snap-Schnelltest) hilft einzuschätzen, ob genügend Kolostrum aufgenommen wurde und das Fohlen somit einen Immunschutz aufgebaut hat. Sinnvoll ist diese Untersuchung ca. zwölf bis 18 Stunden nach der Geburt.
„1-2-3-4-Regel“: Einfach merken, richtig handeln
- Eine Stunde: Fohlen steht
- Zwei Stunden: Fohlen trinkt
- Drei Stunden: Nachgeburt abgegangen
- Vier Stunden: Darmpech (Mekonium) ausgeschieden
Das sogenannte Darmpech muss in den ersten Stunden ausgeschieden werden (innerhalb der ersten 24 Stunden). Bleibt es aus, drohen Koliken. Ebenso wichtig ist das erste Absetzen des Harns innerhalb weniger Stunden (ab sechs bzw. elf Stunden nach Geburt) sowie kein Durchfall in den ersten Lebenstagen. Die Nachgeburt sollte innerhalb der ersten drei Stunden, spätestens jedoch innerhalb von sechs Stunden abgehen und muss auf Vollständigkeit kontrolliert werden. Zur tierärztlichen Beurteilung muss diese aufgehoben werden. Zurückbleibende Teile können schwere Erkrankungen wie Gebärmutterentzündungen oder Hufrehe auslösen.
Auch die Stute braucht Aufmerksamkeit
Die Stute braucht nach der Geburt entsprechende Aufmerksamkeit. Ein normales Verhalten zeichnet sich durch Interesse am Fohlen, ruhiges Fressen und normale Ausscheidungen aus. Warnsignale sind Fieber oder starkes Schwitzen sowie Kolik-Symptome, Teilnahmslosigkeit oder Schmerzverhalten. Regelmäßige Kontrolle der Körpertemperatur bringt Sicherheit. Steigt diese an, handelt es sich um einen Notfall!
Wenn unsichtbare Gefahr droht
Die ersten Lebenstage eines Fohlens sind entscheidend für seine Gesundheit. Eine der gefährlichsten Komplikationen nach der Geburt ist die sogenannte Fohlenlähme (Fohlen-Septikämie). Das ist eine lebensbedrohliche bakterielle Infektion, meist durch Kolibakterien, Streptokokken und Staphylokokken hervorgerufen, die als Blutvergiftung (Septikämie) den gesamten Körper befällt. Sie verursacht Entzündungen in den Organen, vor allem in der Lunge und in den Gelenken. Die Symptome sind hohes Fieber, extreme Schwäche, Durchfall, Lungenentzündung und eitrige Gelenkentzündungen. Die häufigste Ursache ist eine mangelhafte oder zu späte Aufnahme der ersten Stutenmilch, wodurch dem Fohlen der notwendige Immunschutz fehlt. Bakterien können kurz nach der Geburt über den noch feuchten Nabelstumpf in den Blutkreislauf eindringen. Eine unzureichende Stallhygiene während oder nach der Geburt begünstigt die Ansteckung erheblich. Weitere Faktoren, die die Fohlenlähme begünstigen, sind Komplikationen bei der Geburt, Frühgeburt, nasskalte Witterung und eine mangelhafte Kolostrum-Qualität (siehe Infokasten). Die Fohlenlähme ist ein absoluter Notfall.
Die Fohlengeburt ist ein natürlicher, meist komplikationsloser Vorgang, dennoch erfordert eine Abweichung von der Normalität rasches Handeln. Eine gute Vorbereitung und Hygiene sowie eine ungestörte Geburt und konsequente Beobachtung von Stute und Fohlen sind die besten Voraussetzungen für einen gesunden Start ins Leben.
Kolostrum-Qualität bei Stuten
Was kennzeichnet eine gute Biestmilchqualität? Beim Rind spricht man ab 22 % Brix bzw. über 50 g IgG/l (Gesamteiweißgehalt pro Liter Blutserum) von einer guten Biestmilchqualität. Für Pferdekolostrum liegt der Schwellenwert bei ca. ≥ 23 % Brix. Der Gehalt an Antikörpern (IgG) schwankt beim Stutenkolostrum mehr als beim Rind. Es enthält im Mittel etwa 70 g IgG/l, der Schwankungsbereich liegt zwischen 30 und 120 g/l.
Kontakt
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LWOI Dipl.-Ing. (FH) Sandra Pfuner, ABL
sandra.pfuner@lk-salzburg.at
T 050/2595-3596
M 0664/6025954596