Futtermangel: Wie lassen sich Rationen strecken?
Die Trockenheit und die teils geringen Grünlanderträge stellen viele Betriebe vor Herausforderungen bei der Futterversorgung für den kommenden Winter. Während in normalen Jahren die Optimierung der Milchviehration im Mittelpunkt steht, geht es heuer vielerorts darum, die vorhandenen Grundfuttervorräte möglichst effizient einzusetzen und Versorgungslücken rechtzeitig zu schließen.
Futtervorräte vor dem Zukauf erfassen
Vor dem Zukauf von Futtermitteln lohnt sich eine genaue Bestandsaufnahme der vorhandenen Futtervorräte in Trockenmasse. Eine realistische Einschätzung und eine frühzeitige Planung helfen, teure Notkäufe im Winter zu vermeiden. Zukaufsfutter soll sensorisch beurteilt werden. Ist es augenscheinlich verpilzt, schimmlig und riecht muffig, soll es nicht verfüttert werden.
Futter gezielt nach Bedarf einsetzen
Die wichtigste Botschaft lautet: Alle Tiere müssen ausreichend mit Grundfutter versorgt werden, damit die Pansengesundheit erhalten bleibt. Gleichzeitig sollte das vorhandene Futter gezielt an die einzelnen Tiergruppen verteilt werden, damit die verfügbaren Vorräte möglichst effizient genutzt werden können. Kühe in der Laktation sowie in der Transitphase und Kälber müssen mit dem besten verfügbaren Futter versorgt werden. Sie haben bei der Futterzuteilung oberste Priorität, da ihr Nährstoffbedarf besonders hoch ist. Aufzuchtrinder ab einem Jahr und trockenstehende Kühe können mit Futter mit geringer Nährstoffdichte versorgt werden. Um die Tiergruppen bestmöglich zu versorgen, lohnt sich eine Rationsberechnung. Fehlende Nährstoffe im Grundfutter können gezielt durch Kraft- und Mineralfutter ergänzt werden. Für wiederkäuergerechte Rationen sollte der Kraftfutteranteil möglichst unter 50 % der Trockenmasseaufnahme liegen. Eine Grundfutterverdrängung durch Kraftfutter ist zu beachten. Werden große Mengen Kraftfutter verfüttert, steigt das Risiko einer Pansenübersäuerung (Pansenacidose). Das kann zu Folgeproblemen wie geringerer Futteraufnahme, Leistungsrückgängen, Klauenproblemen und erhöhter Infektanfälligkeit führen.
Silomais bleibt eine wichtige Ergänzung
Auch wenn die Trockenheit die Maisbestände belastet hat, steht Silomais vielerorts als wertvolles Grundfutter zur Verfügung. Silomais ergänzt grünlandbetonte Rationen, die häufig hohe Rohproteingehalte aufweisen, sehr gut. Mit einem Anteil von rund 20 bis 30 % Maissilage in der Gesamtration lassen sich in der Praxis ausgewogene Futterrationen gestalten. Die Trockenheit führt jedoch teilweise zu kleineren oder fehlenden Kolben, was mit geringeren Stärke- und Energiegehalten einhergeht. Für Silomais wird eine Lagerungsdauer von mindestens acht bis zehn Wochen empfohlen, damit die Stärke für die Kühe besser verfügbar ist. Ganzpflanzen-Mais-cobs werden aus der gesamten Maispflanze (Kolben, Blätter, Stängel) hergestellt. Für Heumilchbetriebe können Ganzpflanzen-Maiscobs eine inte-ressante Ergänzung darstellen. Maiscobs und Silomais liefern Energie, die im Pansen langsam freigesetzt wird, und unterstützen eine stabile Pansenfunktion.
Luzerne bringt Eiweiß in die Ration
Luzerne zeichnet sich durch hohe Rohproteingehalte aus und liefert gleichzeitig wertvolle Struktur für Wiederkäuerrationen. Luzerne wirkt sich zusätzlich positiv auf die Kotkonsistenz aus. Der Zukauf von Luzerneprodukten erfolgt in Form von Heu oder Cobs bzw. Pellets. Heißluftgetrocknetes oder warmbelüftetes Luzerneheu wird zudem meist sehr gerne gefressen. Bei Luzerneheu aus Bodentrocknung ist die Qualität sehr unterschiedlich. Luzernecobs sind getrocknetes Grünfutter und enthalten etwa 18 bis 19 % Rohprotein. Kleegrascobs im Vergleich liefern etwa 14 bis 18 % Rohprotein. Pelletierte Futtermittel liefern kaum strukturwirksame Faser und ergänzen Grundfutter daher nur.
Mit Stroh Grundfutter-vorräte strecken
Stroh ist in diesem Jahr mit wenig Niederschlag meist in guter Qualität vorhanden und alle Stroharten können als Futterstroh eingesetzt werden. Bei der Fütterung an Rinder, Schafe und Ziegen muss Stroh möglichst kurz geschnitten sein. Damit die Futteraufnahme hoch bleibt und eine möglichst geringe Futterselektion stattfindet, soll die Partikellänge von Futterstroh maximal 2 bis 4 cm sein. Da Stroh den Trockenmassegehalt in Mischrationen erhöht, steigt bei zu trockenen Mischungen die Gefahr der Futterselektion und geringeren Futteraufnahmen. Als Orientierung gilt ein Trockenmassegehalt von rund 38 % am Futtertisch. Bei Bedarf kann Wasser in die Ration eingebracht werden. Mit 1 Liter Wasser pro Kuh kann der Trockenmassegehalt der Mischration um rund 1 % gesenkt werden.
In erster Wahl soll Stroh an Aufzuchtrinder ab einem Jahr und Kühe in der ersten Trockenstehphase verfüttert werden. Gerade für diese Tiergruppen kann Stroh helfen, die Energiedichte der Ration zu reduzieren und gleichzeitig hohe Futteraufnahmen zu ermöglichen.
Bei Stroheinsatz müssen der geringe Energie- und Eiweiß- sowie Mineralstoffgehalt durch geeignetes Kraft- und Mineralfutter ausgeglichen werden. Dies gilt insbesondere für Milchkühe, wo der Stroheinsatz möglichst gering sein soll (maximal 1 bis 2 kg TM). In der Endmast ist ebenfalls aufgrund des hohen Energiebedarfs auf eine ausreichende Energieversorgung zu achten. Geringere Zunahmen bei Aufzucht- und Mastrindern können teilweise in späteren Phasen kompensiert werden.
Worauf ist jetzt besonders zu achten?
Hochwertiges Grundfutter bevorzugt an:
- Milchkühe
- Kühe rund um die Abkalbung
- Kälber
- Tiere in der Endmast
- Energieärmere und strohreichere Rationen eignen sich für:
- Trockenstehende Kühe bis zwei bis drei Wochen vor der Abkalbung
- Aufzuchtrinder ab einem Jahr
- nährstoffarme Rationen durch Kraft- und Mineralfutter ausgleichen
- Kraftfutterobergrenzen beachten
- Rationen bedarfsgerecht berechnen
Hirse als Alternative Fütterung zu Mais
Hirse wird in Europa aufgrund der besseren Trockenheitstoleranz zunehmend auch als Futterpflanze genutzt. Sorg-hum-Hirsen haben ähnliche Eigenschaften wie Mais, sind aber hinsichtlich Energie- und Stärkegehalte dem Mais deutlich unterlegen. Sorghum-Hirsen werden als Ganzpflanzensilage genutzt. Sind Hirsepflanzen unter Stress, kann es zur Bildung von Blausäure kommen. Vor Verfütterung sollte ein Blausäuregehalt geprüft werden.
Nebenprodukte der Industrie nutzen
Nebenprodukte der Lebensmittelindustrie wie Biertreber, Trockenschnitzel und Kleien können Rationen gezielt ergänzen. Biertreber liefern viel Eiweiß und Energie, enthalten jedoch wenig strukturwirksame Faser. Für Milchkühe gelten bis zu 15 kg Frischmasse je Tier und Tag als gut verträglich. Aufgrund des hohen Wassergehaltes sind Lagerung und Futterhygiene besonders zu beachten. Trockenschnitzel sind energiereich, werden gerne gefressen und eignen sich aufgrund ihres langsamen Abbaus im Pansen besonders zur Ergänzung eiweißreicher, grünlandbetonter Rationen. Kleien liefern Rohfaser und Mineralstoffe, fördern die Pansenfunktion und können die Schmackhaftigkeit der Ration verbessern. Bei geringer Futteraufnahme kann auch Melasse die Akzeptanz der Ration erhöhen.
Herbstaufwüchse nutzen
Bei hoffentlich ausreichenden Niederschlägen im Herbst können die Herbstweide oder eine spätere Schnittnutzung die Futterknappheit entschärfen. Herbstaufwüchse enthalten viel Eiweiß und meist eine geringere Strukturwirksamkeit. Zum Ausgleich eignen sich strukturreiche Futtermittel wie Heu, Grassilage vom ersten Schnitt oder Stroh sowie energiereiche, eiweißarme Futtermittel wie Mais und Trockenschnitzel.
Alternative Futtermittel können helfen, Futterengpässe zu überbrücken. Entscheidend bleibt jedoch, dass die Ration bedarfsgerecht berechnet wird und ausreichend strukturwirksames Grundfutter zur Verfügung steht.