Bilanz zur EU-Nitratrichtlinie: Nützlich oder längst überholt?
Die Europäische Kommission hat in der vergangenen Woche die erste umfassende Bewertung der Nitratrichtlinie seit ihrer Annahme im Jahr 1991 veröffentlicht. Die Bewertung, die mehr als 30 Jahre der Umsetzung umfasse, zeige, dass die EU-Vorschriften weiterhin wirksam seien, um die europäischen Gewässer vor der Verunreinigung durch landwirtschaftliche Nitratemissionen zu schützen, heißt es im Bericht. Begleitet wird dieser durch Länderberichte für den Zeitraum 2020 bis 2023, die Empfehlungen an die Mitgliedstaaten enthalten.
Geringere N-Verluste ersparen teure Importe
In der Nitratrichtlinie sieht die Kommission auch eine Möglichkeit, teure Stickstoffimporte zu verringern: „Ein effizienteres und kreislauforientiertes Nährstoffmanagement kann saubereres Wasser liefern und gleichzeitig die Kosten für die Landwirte senken. Eine bessere Nutzung von Nährstoffen kann die Abhängigkeit von importierten mineralischen Düngemitteln verringern, deren Preise eng mit den volatilen globalen Energiemärkten verknüpft sind. Die Verringerung der Abhängigkeit von synthetischem Stickstoff kann die Widerstandsfähigkeit der landwirtschaftlichen Betriebe stärken und zur strategischen Autonomie Europas beitragen“, heißt es in einer Aussendung.
Österreich auf einem guten Weg
Der Bericht der Kommission zeigt auch auf, wie unterschiedlich die Situation in den Mitgliedstaaten ist. In Österreich wiesen bei Grundwasser knapp 7 % der Messpunkte Nitratkonzentrationen von 50 mg/l auf. In Deutschland überschreiten hingegen 25,3 % der Messstellen diesen Schwellenwert. Während man Österreich auf einem soliden Weg sieht, fordert die Kommission u. a. von Deutschland weitere Maßnahmen gegen die Nitratbelastung und Eutrophierung. Da die Verbesserung der Wasserqualität in der EU nach wie vor uneinheitlich sei, müssten Gebiete mit hoher Tierhaltungskonzentration angegangen werden.
Copa: Bericht ignoriert Veränderungen
Kritik gibt es hingegen vom Dachverband der EU-Landwirte und -Genossenschaften, Copa-Cogeca. Der Bericht ignoriere tiefgreifende Veränderungen, die in der europäischen Landwirtschaft seit der Verabschiedung der Richtlinie im Jahr 1991 stattgefunden hätten. Die EU hat sich vergrößert, die klimatischen Bedingungen haben sich verändert und das wissenschaftliche Wissen sowie die landwirtschaftlichen Praktiken haben sich massiv weiterentwickelt. Zudem bieten moderne Technologien heute völlig neue Möglichkeiten, Umweltziele durch gezieltere und effizientere Ansätze zu erreichen.
Während die Richtlinie anfänglich zu einer deutlichen Verbesserung der Wasserqualität beigetragen hat, stagnieren die Fortschritte in vielen Mitgliedstaaten seit einigen Jahren. Gleichzeitig ist die Einhaltung der Vorgaben für die Landwirte immer komplexer und kostspieliger geworden. Abgesehen vom anhaltenden Ruf nach einer besseren Umsetzung durch die Mitgliedstaaten bietet Brüssel kaum praktische Lösungen für die heutigen Realitäten – wie die anhaltende Düngemittelkrise, die wachsenden Auswirkungen des Klimawandels und den Bedarf an mehr Flexibilität im Nährstoffmanagement. „Es ist unerlässlich, dass der laufende Umsetzungsdialog und die kommenden Bewertungsprozesse der Nitratrichtlinie echte Vereinfachungen bringen, Innovationen ermöglichen und den Landwirten einen modernen, wissenschaftlich fundierten und praxistauglichen Rechtsrahmen bieten.“
Österreich: Nitrat-Problem in trockenen Regionen
Österreich hat im Vergleich mit anderen Mitgliedstaaten wenig Probleme mit Nitrat im Trinkwasser. Im Bericht geht man davon aus, dass die Nitratbelastung, insbesondere in Gebieten mit derzeit hohen Nitratkonzentrationen, dank der ergriffenen Maßnahmen weiter sinken kann. Die in weiten Teilen Österreichs beobachteten günstigen Bedingungen, wo die Nitratkonzentrationen seit Jahren vergleichsweise niedrig und stabil sind, dürften anhalten.
Laut Bericht des Umweltbundesamtes wurde in Österreich im Jahr 2024 nur an 7 % der Messstellen der für Trinkwasser geltende Parameterwert von 50 mg/l überschritten. Betroffen sind insbesondere Messstellen in den landwirtschaftlich intensiv genutzten und durch geringe Niederschlagsmengen geprägten Gebieten im Osten und Südosten Österreichs. Obgleich die Stickstoffüberschüsse hier deutlich niedriger sind als im österreichischen Durchschnitt, führen bei den gegebenen geringen Grundwasserneubildungsraten bereits niedrige Stickstoffüberschüsse zu Nitratkonzentrationen im Grundwasser, die über dem Schwellenwert liegen. In Vorarlberg, Tirol und Salzburg wurde an keiner Messstelle der Schwellenwert überschritten.