Almwirtschaft leistet weit mehr als Lebensmittelproduktion
Drei Tage lang stand Saalfelden ganz im Zeichen der Almwirtschaft. Deutlich wurde dabei vor allem, dass die Almwirtschaft weit mehr als ein romantisches Landschaftsbild oder Sommerweide für Rinder ist. Sie ist Grundlage der Berglandwirtschaft, Garant für Biodiversität, Schutzschild gegen Naturgefahren, Wirtschaftsfaktor für den Tourismus und zunehmend auch Gegenstand agrarpolitischer und gesellschaftlicher Debatten. Klimawandel, europäische Naturschutzvorgaben, wirtschaftlicher Druck und Personalmangel stellen die Bewirtschafter vor große Herausforderungen – gleichzeitig wächst das Bewusstsein dafür, welche Leistungen Almen für die gesamte Gesellschaft erbringen. Diese Leistungen sichtbar zu machen und künftig stärker abzugelten, zog sich wie ein roter Faden durch nahezu alle Fachvorträge. Den Auftakt machte ein Überblick über die Salzburger Almwirtschaft durch Dipl.-Ing. Georg Juritsch. Dabei wurde deutlich, dass die Bewirtschaftung der 1.742 Almen mit 65.000 ha und 50.000 Tieren weit mehr leistet als die Erzeugung hochwertiger Lebensmittel. Sie erhält die Kulturlandschaft, schützt vor Verwaldung, fördert die Artenvielfalt und bildet eine wesentliche Grundlage für Tourismus und regionale Wertschöpfung. Gleichzeitig werden Extremwetter, ein Rückgang der Betriebe, fehlende Almtiere, hohe Kosten, Konflikte mit Naturschutz und Tourismus und auch Personalmangel die Almwirtschaft massiv beeinflussen. Dass es dafür auch finanzielle Unterstützung braucht, war die Überleitung zu Herbert Dorfmann vom Europäischen Parlament und der Rolle der Berg- und Almwirtschaft in der neuen GAP. Dorfmann erläuterte die Auswirkungen der Förderbestimmungen und der zur Verfügung stehenden Geldmittel auf die Almwirtschaft und betonte die Notwendigkeit praxistauglicher Regelungen. Insbesondere extensive Bewirtschaftungsformen müssten auch künftig ausreichend berücksichtigt werden, um die Bewirtschaftung der Almen langfristig sicherzustellen.
Breiten Raum nahm der Einfluss des europäischen Naturschutzrechts ein. Diskutiert wurden die Auswirkungen neuer EU-Vorgaben auf die Bewirtschaftung sowie der notwendige Ausgleich zwischen Naturschutz und landwirtschaftlicher Nutzung.
Zurück zur Natur – Almen ade
Einigkeit bestand darin, dass erfolgreiche Naturschutzmaßnahmen nur gemeinsam mit den Bewirtschaftern und Grundeigentümern umgesetzt werden können. Dipl.-Ing. Gregor Grill von der Landwirtschaftskammer zeigte in seinem Vortrag auf, wie EU-Naturschutz auch die Almwirtschaft betrifft und wie problematisch dies gerade im Zusammenhang mit den Veränderungen durch den Klimawandel zu sehen ist. So sei die öffentliche Debatte über Natur- und Umweltschutz maßgeblich von Idealbildern geprägt. Natur werde häufig als Gegenwelt zur Zivilisation dargestellt, als Raum, der umso schützenswerter sei, je weniger er vom Menschen beeinflusst wurde. Grill: „Diese Denkfigur ist zwar zum Teil kulturell verständlich, führt insbesondere im alpinen Raum jedoch systematisch in die Irre. Die Landschaften der Alpen sind keine Überreste eines vor-menschlichen Zustandes. Almen, Bergwiesen, Schutzwälder, Wasserableitungssysteme und Siedlungsräume sind Ergebnisse bewusster Gestaltung. Ihre ökologische Vielfalt ist nicht trotz, sondern wegen dieser Nutzung entstanden.“
Abschlussexkursion Lofereralm
Der Abschlusstag im Almgebiet der Lofereralm fand – wie alle Exkursionstage – bei strahlendem Sonnenschein statt. Die Teilnehmer konnten den Aufstieg zum Schwarzeck-Almkreuz in drei unterschiedlichen Varianten bewältigen. Am Ziel trafen alle Gruppen zusammen und feierten mit Dechant Alois Moser eine stimmungsvolle Almmesse, die vom „Unkener Dreigesang“ und Bläsern feierlich umrahmt wurde. Nach Grußworten von Landesrat Max Aigner zog der Obmann des Salzburger Alm- und Bergbauernvereins, Silvester Gfrerer, eine positive Bilanz der vergangenen Tage und dankte dem Organisationsteam für die hervorragende Arbeit. „Die Almwirtschaft muss sich weiterentwickeln, Veranstaltungen wie die Internationale Almwirtschaftstagung mit einem so umfangreichen Programm und internationaler Beteiligung sind für die Alpenländer und ihre Zukunft wichtig.“
Das Klima wandelt sich – unsere Almen auch?
Mit dem Thema „Klimawandel auf der Alm – wo geht die Reise hin?“ beschäftigte sich Mag. Gerhard Hohenwarter von GeoSphere Austria. Höhere Temperaturen, längere Trockenperioden und veränderte Niederschlagsmuster beeinflussen Futterangebot, Wasserversorgung und Tierhaltung. Besonders eindrucksvoll war der Vortrag von Mag. Christian Fritz, Leiter der Abteilung Ökonomie der HBLFA Raumberg-Gumpenstein, über den oft unterschätzten unsichtbaren Wert der Almwirtschaft. Obwohl die Almwirtschaft eine tiefe gesellschaftliche Faszination ausübe, bleibe ihr realer volkswirtschaftlicher Wert oft unsichtbar. Neben der Lebensmittelproduktion erfüllten Almen ein multifunktionales Bereitsstellungssystem für öffentliche Güter. Viele dieser Leistungen seien wirtschaftlich kaum abgegolten, hätten jedoch einen hohen Nutzen für die Allgemeinheit. Praxisnah gestaltete sich der Beitrag zu den Haftungsfragen auf der Alm. Angesprochen wurden die rechtlichen Rahmenbedingungen für Almbewirtschafter, insbesondere im Zusammenhang mit Weidetieren und dem zunehmenden Freizeitverkehr auf Almen. Ziel sei es, noch mehr Rechtssicherheit zu schaffen, ohne die Offenheit der Almlandschaften einzuschränken.Einen wissenschaftlichen Blick auf die Ernährung bot der Vortrag über die Rolle der Wiederkäuer in einem nachhaltigen Ernährungssystem. Rinder könnten Grünland nutzen, das für den Ackerbau ungeeignet sei, und damit hochwertige Lebensmittel erzeugen. Ergänzend wurde auf die ernährungsphysiologischen Vorteile von Almprodukten verwiesen, deren Qualität eng mit der vielfältigen Almvegetation verbunden ist. Abgerundet wurde das Fachprogramm durch einen starken Vortrag von LJM Max Mayr-Melnhof über den Nutzen der Almwirtschaft für die Jagd. Gepflegte Almflächen würden vielfältige Lebensräume für Wildtiere schaffen und wesentlich zur Erhaltung artenreicher Lebensgemeinschaften beitragen. Diskussionsmöglichkeiten und Fragen der Tagungsteilnehmer an das hochrangige Podium rundeten das wertige Programm ab.